Love it, change it or leave it! ...?
Wer möchte nicht nach dieser Direktive leben? Die guten Dinge bedingungslos lieben, Genießen, aus dem Vollen schöpfen, sich hingeben. Und wenn die Situation nicht liebenswert ist, wenn das Leben gerade nicht genussvoll und schön ist, wenn die Taschen leer sind und die Straße staubig ist, dann bewusst und kraftvoll etwas ändern. Mit voller Arme Arbeit die Situation zum Besseren drehen, anpacken, mutig sein.

Und falls auch das keinen Erfolg bringt, falls immer noch kein Regen in die Wüste tropft, dann seine eigene Freiheit dazu nutzen, einen neuen Weg einzuschlagen. Wäre das nicht das ideale Lebensmotiv freier, selbstbewusster und lernfreudiger Menschen? Love it, change it or leave it!

Klingt so, als wäre nun alles gesagt, also voran, lasst uns nun damit beginnen. Wäre da nicht...

...

... wäre da nicht die netflix-Serie, die ich nachher unbedingt weiter schauen werde. Wäre da nicht die nächste halbe Flasche guter Rotwein mit dunkler Schokolade, oder wahlweise mildem Roquefort, die Pizza auf dem Sofa, die mich Nerd in den Abend füttert und meine viszerale Fettbilanz auf einem zu hohen Niveau hält. Und ist das denn schlimm? Habe ich nicht heute schon genug getan? Habe ich mir denn keinen Feierabend verdient?

Worauf ich hinaus möchte: Die Direktive "Love it, change it or leave it" klingt super, verlangt mir jedoch oft ein zu hohes Maß an Bewusstsein ab. Manchmal möchte ich einfach versacken.

Vor neun Monaten hatte ich eine Diskussion im Auto mit Harald über Bewusstsein. Harald ist heute Lobbyist und war früher Staatssekretär in Hessen. Harald ist Ende 50 und ein symphatischer, sehr schlauer Mensch. Ich triggerte unser Gespräch im Auto mit der Frage an Harald, wann er denn glaube, dass Maschinen ein Bewusstsein entwickeln werden. Ein, wie sich herausstellte, rotes Tuch für Harald. Niemals werde eine Maschine ein Bewusstsein entwickeln, polterte er los. Ich erkannte das rote Tuch, und da Harald parteipolitisch für mich zu den anderen gehört, stichelte ich fiese weiter und erzählte von einer Diskussion, die ich zum Thema vor Jahren einmal mit nobelpreistragenden Physikern verfolgte. Habe denn eine Fliege ein Bewusstsein? Ein Hund? Ein Primat? Und wo sei die Grenze zu ziehen zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein. Kurz, ich brachte Harald in Rage.

Die meisten Menschen haben ja nicht einmal ein Bewusstsein, so polterte es aus ihm heraus, während sein Audi ruhig die A24 dahinglitt. Die meisten Menschen haben kein Bewusstsein, hallte es in mir nach und ich suchte momentan nach einer kernigen Erwiderung auf dieses zivilisationszersetzende Statement. Dann dachte ich an die Netflix-Serie, der ich gerade verfallen war und der ich auch an dem Tag meine Abendstunden opfern würde. Bewusstsein?

Aus heutiger Sicht, einige Monate und einige Serien später, beurteile ich Bewusstsein als die schwere Wahl, die es jede Stunde neu zu treffen gilt. Die Maxime "Love it, change it or leave it" beschreibt den Alltag bewusst lebender Menschen. Nur, wer schafft das, jederzeit bewusst zu leben? Bewusstsein hat einen Preis, es ist eine Entscheidung, sich in die Freiheit zu begeben, in der Entscheidungen möglich werden. Der Film Matrix beschreibt die schwere Wahl bewusst zu leben auf eine düstere, zynische Weise, die aus meiner Sicht treffender kaum sein kann. In der Filmszene wählt der Verräter aus komplett nachvollziehbaren Gründen den Weg zurück in die Matrix. Er verlangt als Preis das absolute Vergessen, möchte die harte kalte Realität mit schlechter Ernährung eintauschen gegen die Utopie, in der er berühmt werden möchte. Vergessen, dass es eine höhere Realität gibt. Als er diesen Preis für seinen Verrat nennt, schneidet er sich gleichzeitig in der Matrix eine fette Scheibe virtuelles Filetsteak ab, und während er es sich genussvoll in den Mund schiebt, spricht er die Worte "Ignorance is bliss".

Der Verräter in Matrix hat seine Entscheidung genau nach der Maxime getroffen. Lieben konnte er die Realität nicht, verändern auch nicht. Aber verlassen konnte er sie. Und doch ist unser Held im Film Neo, der Veränderer.

Die Maxime des Helden ist also:
Sich als freier Mensch gegen die innere Trägheit stemmen, das Bewusstsein wählen. Denn eines können wir nicht dauerhaft. Vergessen. Wie haben nicht die Wahl, dauerhaft in Serien zu versinken. Einmal Bewusstsein, immer Bewusstsein.

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